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Humor in Krisenzeiten: Bitte macht euch lächerlich!

Was soll man schreiben in Zeiten der Kriege und der vielen
Toten? In Zeiten der absoluten Dissonanz auf den sozialen Medien? Ist nicht der
erste Impuls zu verstummen? Zumindest ist es meiner. Verstummen, von den
sozialen Medien abmelden und nie wieder auftauchen. Mich in der Buchhandlung an
der Ecke oder beim nächstgelegenen Bäcker anstellen lassen und mit dem ganzen
öffentlichen Leben nichts mehr zu tun zu haben. Gleichzeitig wurde ich gefragt,
was mir im Kopf herumgeht, heute, zehn nach acht, und ich werde versuchen,
darauf zu antworten.

Vor einiger Zeit, es war noch vor der Corona-Pandemie, muss
also um das Jahr 2019 gewesen sein, fiel mir auf, dass aus der öffentlichen
Debatte, aber auch im Gespräch mit Freunden, der Humor verschwand. Mit Humor
meine ich nicht das, was man oft im deutschen Fernsehen sieht, irgendjemand
anderen als Feindbild zu identifizieren, möglichst viel Gift und Galle über
diesen Jemand auszuschütten und zu behaupten, das sei lustig. Ich meine Humor in
Bezug auf die eigene Person und die eigene Meinung.

Anna Brüggemann wurde 1981 in München geboren und steht seit ihrem 15. Lebensjahr vor der Kamera. Seit 2006 verfasst sie mit ihrem Bruder Dietrich
Brüggemann zusammen Drehbücher unter anderem zu seinem Film “Kreuzweg”. 2021 erschien ihr Debüt “Trennungsroman”, 2024 wird ihr zweiter Roman folgen. Sie ist Gastautorin von “10 nach 8”.

Aufgefallen war mir das beim noch immer turbulent umkämpften
Schauplatz Gendern. Als die
Lücke im Sprachduktus aufkam, musste ich lachen, zum einen, weil es in meinen
Ohren komisch klang, zum anderen, weil es mein Selbstverständnis als Frau und
Feministin völlig unterlief. Ich war doch kein angehängtes Appendix, ich fühlte
mich schon immer genauso zugehörig, wie jede andere Person auch. Sollte ich
mich all die Jahre geirrt haben? Ich war schon lange für den britischen Weg,
also ausschließlich das generische Maskulinum zu benutzen. Nicht ohne Grund
steht auf meiner Instagram-Seite bei Berufsbezeichnung: “Autor, Schauspieler”.
Ich grinste also bei dieser für mich seltsamen Sprachakrobatik und musste
feststellen, dass ich dafür mit bösen Blicken bestraft wurde und verdächtigt
wurde, “zu den anderen” zu gehören. Das Thema, wurde mir schnell klar, war
nicht harmlos und Scherze darüber schon gar nicht.

Dabei war und bin ich gewohnt, erst einmal über vieles, was
aufkommt, zu witzeln. Ich benutze mit Lust Wörter der jetzt 20-Jährigen und
mache mich selbst darüber lustig, wie ich sie benutze, ich schüttele den Kopf
über Dinge, die ich meinen Kindern sage und erst recht über meinen heiligen
Ernst in Interviews. Die Welt ist ein Schauplatz des eigenen Scheiterns und der
abstrusesten Ideen, und es ist heilsam, erst mal lachend sich selbst und so
einiges andere infrage zu stellen. Wer weiß, vielleicht ist mir dieser Artikel
irgendwann furchtbar peinlich. Aber selbst wenn, was ist daran so schlimm?

Was liegt dem Humor sich selbst gegenüber zugrunde? Das
Wissen darüber, dass ich falsch liegen kann. Das Wissen darüber, dass Meinung
und Person nicht eine Einheit bilden. Meine Meinung erarbeite ich mir durch Informationen,
Diskussionen, Nachdenken, Erkenntnis. Aber sie macht mich nicht aus. Und es gehört
zu unseren kulturellen Errungenschaften, dass ich diese Meinung ändern kann.
Identifiziere ich mich hingegen mit meiner Meinung moralisch, stellt jede
andere Meinung einen Angriff dar und dann ist es mit dem Spaß vorbei.

Ich beobachtete also eine grassierende Humorlosigkeit und
dachte: Das ist ungut. Wenn man einer Gesellschaft den Humor entzieht, dann ist
es, wie wenn kurz vor einer Explosion der ganze Sauerstoff zusammengezogen wird
– und kurz danach knallt es.

Es hat dann auch geknallt, es kam Corona und die Debatten,
öffentlich, in den sozialen Medien und unter Freunden, glichen lauter kleinen
Explosionen. Davon haben wir uns alle noch nicht erholt. Der andere ist nicht mehr
mein Freund, sondern jemand, der bewaffnet ist. Der andere, das bin im
Zweifelsfall auch ich, ebenfalls bewaffnet, bereit auszuteilen, auszugrenzen,
Meinung und Person zu einem moralischen Komplex verschmelzen zu lassen.

Humor heißt, um die eigene Lächerlichkeit, die eigene Brüchigkeit
zu wissen. Nur wer um seine Lächerlichkeit weiß, weiß, dass zum Leben das Scheitern
dazugehört. Scheitern, leiden, straucheln, das ist Menschsein. Nicht glänzen,
fliegen, Trophäen sammeln.

Fürs Leiden, Straucheln und Menschsein ist bei uns wenig
Platz. Das meine ich nicht einmal gesellschaftlich gesehen, sondern in uns
selbst. Haben wir uns innerlich den Platz eingeräumt, der uns scheitern lässt?
Mögen wir uns noch, ertragen wir uns, wenn wir gescheitert sind? Und mögen wir
den anderen, ertragen wir ihn noch, wenn er gescheitert ist, eine andere
Meinung als wir hatte, wir ihn dadurch zur Unperson gemacht haben?

Uns und dem anderen nicht den Raum für Fehler zu lassen,
macht uns ärmer. Wer nicht scheitern darf, darf auch nicht leiden. Wer aber
nicht leiden darf, kann auch nicht mitleiden. Und wer nicht mitleiden kann,
kann nicht lieben.

Humor zu haben, heißt also im Endeffekt, mit dem Wissen, dass
wir jederzeit fallen können, zu leben, zu lachen und zu lieben. Keinen Humor
bezüglich der eigenen Person und Meinung zu haben, heißt im Umkehrschluss, dass
ich zu einem hermetischen System geworden bin, das nicht mehr empfänglich ist
für die Schwingungen des Gegenübers. Und es heißt auch, dass ich dieses
Gegenüber ebenfalls als hermetisch geschlossen, anders, fremd empfinde.

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