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Marie Nejar: “Alle sehen in mir immer das Exotische, nicht das Deutsche”

Die Schauspielerin und NS-Zeitzeugin Marie Nejar ist im Alter von 95 Jahren verstorben. In diesem Interview aus dem Jahr 2015 spricht sie über Rassismus, Identität – und die Hilfsbereitschaft, die sie auf St. Pauli erfahren hat.

In den fünfziger Jahren war Marie Nejar ein Kinderstar.
Obgleich bereits über zwanzig, sang sie mit Teddybär
im Arm Schlager über süße
Früchte, große Tiere und Mütterlein. Unter dem Künstlernamen Leila Negra
tourte sie mit Sängern wie Peter Alexander durch
Nachkriegsdeutschland.

Marie Nejar wurde 1930 als Tochter einer Deutschen
und eines Ghanaers geboren.
Kurz vor Hitlers Machtergreifung. Sie wuchs bei ihrer
Großmutter auf St. Pauli auf. Ihren Vater, einen
Schiffssteward, sah sie nur, wenn er im Hafen festmachte. Als Marie Nejar zehn Jahre alt war, starb ihre Mutter. Sie verblutete, weil ihr
nach einer verunglückten Abtreibung kein Krankenhaus helfen wollte.

Nach ihrer Schlagerkarriere, mit 27 Jahren, machte
Marie Nejar in Rissen eine Ausbildung zur Krankenschwester. Bis zur
Rente arbeitete sie in verschiedenen Häusern, zuletzt im
Universitätskrankenhaus Eppendorf. Sie lebt heute in Eimsbüttel,
unweit entfernt von jenem Stadtteil, in dem sie als dunkelhäutiges
Kind den Rassenwahn der Nazis überlebte. An diesem Freitag, den 20.
März, wird sie 85 Jahre alt.

ZEIT ONLINE: Frau Nejar, haben sich Menschen auf
dem Kiez weniger vom Nationalsozialismus beeinflussen lassen
als anderswo?

Marie Nejar: Ich glaube schon. Die Leute auf St. Pauli waren höchstwahrscheinlich etwas toleranter. Ausländer waren
durch den Hafen bekannt. Man sah schwarze Matrosen, man sah Japaner,
Chinesen. Und ich war ein kleines Kind. Das macht auch etwas aus. Ich
habe überleben können, weil mich die Leute geschützt haben,
besonders in meiner Schule.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich das gezeigt?

Nejar: Als die Kinder der Seilerstraße wegen den
Bombenschäden zu uns in die Schule Taubenstraße evakuiert wurden,
sollte ich einer Dame Unterlagen meiner Lehrerin bringen. Als diese
mich sah, schrie sie sofort auf: “Was willst du hier? Hat deine
Lehrerin keine andere Schülerin? Muss sie dich schicken?” Meine
Lehrerin ist dann selber zu ihr gegangen und kehrte – knallrot im
Gesicht – zurück.

ZEIT ONLINE: Was hat sie gesagt?

Nejar: Sie hat mich getröstet: Ich gehöre hierher,
ich sei kein Mädchen, das Schande mache. Ich hatte Angst um die
Lehrerin und natürlich auch um mich. Die Frau aus der Seilerstraße,
die mich so hasste, hatte zu der Zeit ja Recht: In den Augen der
Nazis gehörte ich einer “minderwertigen
Rasse” an. Was, wenn die zum Direktor geht? Er hätte mich
der Schule verweisen können. Das ist aber nicht passiert – und
daran sehe ich, was für eine tolle Schule ich hatte.

ZEIT ONLINE: Wurde Ihnen im Alltag bewusst, welche Folgen
die Rassengesetze der Nazis für sie haben könnten?

Nejar: Lange Zeit waren sie für mich abstrakt. Aber als
ich an Scharlach erkrankt war, verstand ich, was sie bedeuteten.
Eigentlich hätte ich ins Krankenhaus gemusst. Aber unser jüdischer
Hausarzt Doktor Blumenthal warnte uns vor den Zwangssterilisationen,
die mir dort hätten widerfahren können. Er kam stattdessen jeden
Morgen und jeden Abend in unsere Wohnung, um nach mir zu sehen und
mir Medikamente zu verabreichen. Was aus ihm geworden ist, weiß ich
nicht. Monate später war das Schild an seiner Haustüre abmontiert.

ZEIT ONLINE: Gab es weitere solche Situationen?

Nejar: Eine andere Sache war, dass mein Lehrer mir keinen
Geigenunterricht mehr geben durfte. Er hatte mich und ein blondes
Mädchen für eine Aufführung im Tropeninstitut in der heutigen
Bernhard-Nocht-Straße ausgewählt. Es war Weihnachten, wir haben
dort mit den Soldaten Lieder gesungen. Uns wurde dafür ein
Mittagessen versprochen. Darauf haben wir uns unheimlich gefreut.
Nach fast anderthalb Stunden haben uns die Professoren und Direktoren
plötzlich rausgeschmissen. “Gerda, jetzt haben wir ja nur ein paar
Kekse in der Hand, aber kein Mittagessen bekommen”, sagte ich. Erst
später haben wir erfahren, dass mein Lehrer Schwierigkeiten bekommen
hatte, weil er uns beide zusammen hatte auftreten lassen.

ZEIT ONLINE: Gab es Anzeigen gegen Sie oder Ihre
Großmutter?

Nejar: Ja, wir haben aber erst nach dem
Krieg davon erfahren. Meine Großmutter war eine große
Hitler-Gegnerin. Es gab
Nachbarn, die meine Großmutter nicht nur deshalb ablehnten, sondern
auch, weil sie einen schwarzen Mann gehabt hatte.
Auch ich hatte immer wieder Schwierigkeiten. Ich brauchte nur eine
andere Umgebung, dann ging es schon wieder los mit den Sprüchen über
mein Aussehen.

ZEIT ONLINE: Warum haben die Anzeigen für Sie keine
unmittelbaren Folgen gehabt?

Nejar: Ich hatte das Glück, dass die Polizisten auf der
Davidwache mich von klein auf kannten. Sie haben entweder nur so
getan, als würden sie die Anzeige aufnehmen oder die Akten einfach
immer wieder nach unten gelegt.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie das erfahren?

Nejar: Das hat mir meine Großmutter nach dem Krieg
erzählt. Und sie wiederum hat es von einem Beamten erfahren. Manche
der Polizisten haben meine Großmutter auch immer wieder gewarnt.

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