Rahel Jaeggi
ist Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie zählt zu den
wichtigsten Vertreterinnen der zeitgenössischen Kritischen Theorie und forscht
zu Freiheit, Entfremdung und der Frage, wie gesellschaftliche Verhältnisse
unser Leben prägen. Sie beteiligt sich regelmäßig an Debatten über Demokratie, Kapitalismus und
soziale Gerechtigkeit. Im Gespräch erklärt sie, warum Freiheit für sie nicht
nur eine individuelle, sondern vor allem eine soziale Frage ist.
Dieses
Interview basiert auf einem Gespräch für den ZEIT-Podcast »Nur eine Frage«. Die Auszüge wurden gekürzt,
redigiert und teilweise umgestellt, um die Lesbarkeit zu verbessern. Alle
Folgen sind auf www.zeit.de/n1f zu finden. Dort können Sie auch den
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an n1f@zeit.de.
Redaktion: Sophie Hübner, Jens Lubbadeh, Tobias Oellig
Visuelle Produktion: Michael Pfister
DIE ZEIT: Rahel Jaeggi, sind wir frei?
Rahel Jaeggi: Ja, nein, vielleicht ein bisschen.
Das kommt natürlich darauf an, was man unter Freiheit versteht.
ZEIT: Was versteht man denn unter Freiheit?
Jaeggi: Wenn man ein sehr dürres, negatives
Freiheitsverständnis zugrunde legt – also sagt: Freiheit bedeutet die
Abwesenheit von Zwang – dann könnte man sagen: Für viele von uns gilt das. Wenn
ich jetzt plötzlich dem Impuls folgen würde, aufzustehen und zur Tür
hinauszugehen, werden Sie mich nicht aufhalten oder fesseln. Ich sage
allerdings »für viele«, weil das nicht für alle gilt: Für Menschen in den neuen
EU-Auffanglagern etwa gilt selbst diese einfache Form von Freiheit nicht. Wer
eingesperrt ist, unterliegt einem Zwang und ist auch in diesem basalen Sinne
nicht frei. Aber selbst dieser einfache Möglichkeitsbegriff von Freiheit wird
schnell komplizierter. Was ist, wenn ich mich nicht traue, diesen Raum zu verlassen?
Tut man schließlich nicht, mitten in einem Interview aufzustehen und rauszurennen.
Ich bin also in Konventionen gefangen, könnte man sagen.
ZEIT: Viele Menschen haben trotz enormer Freiheiten häufig
das Gefühl, nicht wirklich das tun zu können, was sie wollen. Wie erklären Sie
dieses Paradox?
Jaeggi: In der Philosophie unterscheidet
man zwischen einem negativen Freiheitsbegriff – der Freiheit von Zwang – und
einem positiven Freiheitsbegriff, der nach den Bedingungen fragt, unter denen
Freiheit überhaupt verwirklicht werden kann. Es geht dann nicht nur darum, frei
von etwas zu sein, sondern frei zu etwas. Etwa zu einem selbstbestimmten Leben.
ZEIT: Was braucht es für ein selbstbestimmtes Leben?
Jaeggi: Die Möglichkeiten, eigene
Entscheidungen umzusetzen, die Bedingungen, unter denen diese Entscheidungen
entstehen, aber auch Ressourcen, soziale Institutionen und die jeweiligen Sozialisationsumstände.
Freiheit hängt also immer auch von den Voraussetzungen ab, unter denen Menschen
ihr Leben gestalten können.
ZEIT: Sind Konventionen und soziale Regeln, an die wir
uns halten, eine Form von selbstgewähltem Zwang? Wenn ich mich entscheide, sie
zu befolgen, schränken sie meine Freiheit ein. Bin ich schlussendlich unfrei?
Jaeggi: Nein. Einerseits gilt im ganz
klassisch liberalen Sinne: Die Freiheit des Einzelnen findet zunächst dort ihre
Grenze, wo die Freiheit anderer beeinträchtigt wird. Aber soziale Normen und
Konventionen sind nicht einfach nur Zwang. Sie ermöglichen überhaupt erst, mit
anderen zu interagieren und eine bestimmte Person zu sein. Unfrei wird man
nicht dadurch, dass man sich auf soziale Rollen und Erwartungen einlässt,
sondern wenn diese einem aufgezwungen werden, starr sind und man sich nicht zu
ihnen verhalten oder sie sich nicht aneignen kann. In unserem konkreten Fall:
Wenn ich dem spontanen Impuls folge, jetzt einfach wegzurennen, könnte es ja
sein, dass ich mich nachher darüber ärgere – weil das gar nicht der Person
entspricht, die ich sein möchte. Ich möchte eigentlich jemand sein, mit dem man
solche öffentlichen Unterhaltungen führen kann.
ZEIT: Freiheit bedeutet also nicht, jedem spontanen
Impuls zu folgen?
Jaeggi: Im Gegenteil: Wer seine Impulse
ordnen und darüber entscheiden kann, welchen er folgen möchte, gewinnt ja an Freiheit.
Schon Kinder lernen, zwischen unmittelbaren Wünschen, die plötzlich in ihnen
auftauchen und dem, was ihnen langfristig wichtig ist, zu unterscheiden. »Also,
ich will jetzt unbedingt ein Eis, aber ich will auch ins Schwimmbad – dann guck
ich lieber, dass ich jetzt hier noch durch die Tür komme und mir dann dahinten
etwas kaufe.« Das allein hegt ja den unmittelbaren Impuls gewissermaßen ein. Diese
Fähigkeit, sich zu den eigenen Wünschen zu verhalten und zu entscheiden, wer
man sein möchte, ist ein zentraler Aspekt von Freiheit. Was wir frei tun und
damit wir es frei tun, muss in irgendeiner Weise damit übereinstimmen, wer wir
eigentlich sein wollen.
ZEIT: Kann man verschiedene Ordnungen von Freiheit
unterscheiden? Eine erste Ordnung wäre die Freiheit, überhaupt handeln zu
können – etwa den Raum verlassen zu dürfen. Eine zweite Ordnung die Frage, ob
ich wirklich will, was ich tue, oder ob ich inneren und äußeren Zwängen folge.
Und eine Freiheit dritter Ordnung wäre noch grundlegender: Bin ich frei darin,
zu bestimmen, was ich überhaupt wollen will? Gibt es solche Layer, also Schichten
von Freiheit?
Jaeggi: Das mit den Layern finde ich gut.
Weil es darauf verweist, dass verschiedene Dimensionen von Freiheit miteinander
verwoben sind. Da zeigt sich, dass Freiheit ein komplexer Begriff ist. Man
sollte diese Dimensionen deshalb nicht gegeneinander ausspielen, sondern
zusammendenken.
ZEIT: Wir beide sind luxusverwöhnte Berliner und leben
in einem Staat, der bestimmte Freiheitsrechte garantiert. Vielleicht mangelt es
an nichts und dennoch kann man sich gefangen fühlen in seinem Leben. Wenn ich
jetzt unglücklich bin, weil ich mich nicht frei fühle, um welche Ebene von
Freiheit geht es da?
Jaeggi: Dann fühlen Sie sich möglicherweise
entfremdet. Das ist tatsächlich für mich einer der Gegenbegriffe zur Freiheit:
Entfremdung.
ZEIT: Der
Begriff der Entfremdung hat eine lange Geschichte. Können Sie mal erklären,
woher er kommt und wie Sie ihn verstehen?
Jaeggi: Im modernen Sinn bezeichnet Entfremdung ein Gefühl, so etwas wie: Es ist
zwar mein Leben, aber es fühlt sich gar nicht wirklich wie mein eigenes an.
Oder: Wir haben gesellschaftliche Verhältnisse selbst hervorgebracht, können
sie uns aber nicht mehr aneignen oder gestalten. Es geht also um Machtlosigkeit,
individuell wie kollektiv. Meine eigenen Handlungen kehren sich in gewisser
Weise gegen mich. Diesen Gedanken der Entfremdung findet man schon bei Rousseau.
Ich würde sagen, er ist so was wie der Entfremdungstheoretiker avant la lettre,
bevor es den Begriff in diesem Sinne überhaupt gab. Rousseau beschreibt, wie
Menschen sich durch gesellschaftliche Verhältnisse von sich selbst entfernen
und sich zunehmend über den Blick der anderen definieren. Er nutzt das Bild der
Statue des Glaukos, die durch Verwitterung und Anlagerungen so verändert wird,
dass man ihr wahres Gesicht nicht mehr erkennt. Wir verlieren uns selbst, wir
verlieren unser eigenes Maß, wir verlieren die Fähigkeit, uns auf uns zu
beziehen, ohne uns ständig im Licht der anderen zu betrachten, der
gesellschaftlichen Konvention, der gesellschaftlichen Dynamik, des
Reicher-Besser-Werden-Wollens. Das ist ein Verständnis von Entfremdung als
Verlust von Authentizität. Dieses Modell spielt immer darauf an, dass es
irgendwo etwas gibt, das ich wirklich selbst bin. Gegen diese Vorstellung
argumentiere ich, zusammen mit denen, die diese Entfremdungstheorie
weitergeführt haben, Hegel und Marx.
ZEIT: Das
müssen Sie genauer erklären.
Jaeggi: Ich denke nicht, dass es
irgendwo ein »wahres Selbst« gibt, zu dem wir nur zurückkehren müssten. Bei Marx
und Hegel geht es um Aneignung: Freiheit entsteht dort, wo wir uns die Normen
und Institutionen, unter denen wir leben, zu eigen machen können – wo wir sie
als unsere begreifen und an ihrer Gestaltung teilhaben. Auch Marx versteht
Entfremdung so: Wir entwerfen gemeinsam unsere gesellschaftliche Wirklichkeit,
erleben sie aber als etwas Fremdes, das sich unserer Kontrolle entzieht.
Entfremdung heißt dann, dass wir zu den Verhältnissen, die wir selbst
geschaffen haben, kein gestaltendes Verhältnis mehr haben. Man muss dazu sagen,
dass es bei Rousseau neben seiner Kulturkritik der Entfremdung ein zweites
Motiv in seinem Denken gibt. Eine Demokratietheorie, in der es um kollektive
Selbstbestimmung geht und darum, dass man sich nur Gesetzen unterwirft, die man
selbst geschrieben haben könnte. Die man sich zu eigen machen könnte, die man
auch selber unterzeichnen kann. Insofern gibt es auch bei Rousseau schon diese
Vorstellung, dass man die Entfremdung eigentlich überwindet durch die Aneignung
der gesellschaftlichen Normeninstitutionen.
ZEIT: Aber jede Generation wird
doch in bestehende Verhältnisse hineingeboren. Niemand beginnt bei null. Die
Regeln, Institutionen und Wirtschaftsformen sind bereits da. Reicht es schon,
sie demokratisch mitzugestalten, um frei zu sein? Oder braucht wirkliche Freiheit
den radikalen Bruch mit dem Vorgefundenen?
Jaeggi: Das lässt sich natürlich
nicht weltgeschichtlich so organisieren, dass jede Generation die Gesellschaft
immer wieder neu erfindet.
ZEIT: Aber bin ich nicht allein dadurch, dass ich in
eine bestehende Ordnung hineingeboren werde, qua Geburt unfrei? Wenn eine Gesellschaft
immer komplexer wird, kann ich dann überhaupt noch erwarten, dass ich die
Verhältnisse, in denen ich lebe, vollständig überblicke und mitbestimme?
Jaeggi: Entscheidend ist, dass
demokratische Ordnungen offen bleiben für Mitgestaltung. Eine lebendige
Demokratie ist eine, in der Menschen die Regeln ihres Zusammenlebens nicht nur
alle vier Jahre in der Wahlkabine, sondern fortlaufend mitgestalten können.
Auch in Bereichen wie Wirtschaft, Arbeit oder Bildung. Demokratische
Institutionen dürfen nicht erstarren. Sie müssen so beschaffen sein, dass
Menschen sie sich zu eigen machen können und dort, wo sie das nicht können, die
Möglichkeit haben, sie zu verändern. Demokratie ist deshalb nicht nur ein
politisches Verfahren, sondern eine Lebensform. Sie beginnt nicht erst im
Parlament, sondern in den Institutionen, die unseren Alltag prägen, vom
Kindergarten bis zum Arbeitsplatz.
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